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Man man man, da habe ich mich so richtig auf den ersten Schnee-Ausritt der Saison gefreut und dann ging der sowas von in die Hose! Aber von vorne…

Als ich im Stall ankam, kam mir die ganze Herde bereits ungewöhnlich nervös vor. Auch Najem. Ich dachte zuerst noch, heute passiert bestimmt etwas. Dann dachte ich aber, dass ich mich auch mal aus meiner Komfortzone herauswagen sollte und schnallte ihm das Pad auf den Rücken. Unsere Standardroute sollte schliesslich kein Problem darstellen. Anfangs war ich ein wenig nervös, aber nach ein paar Minuten auf Najem legte sich das. Dann ging es ab durch den Wald, bergauf im Galopp! Leider war die Sicht noch etwas schlechter als sonst wegen dem ganzen Nebel.

Als ich mich eigentlich schon völlig entspannt hatte, machte Najem mitten im Galoppsprung auf einmal eine hundertachtzig Grad Wendung. Weil ich mich gerade unter einem Ast hindurch gebückt hatte, verlor ich dadurch völlig das Gleichgewicht. Ich liess mich fallen, kam jedoch nicht weit genug von Najem weg, weil auf meiner Fallseite gleich der Abhang war. Also fiel ich direkt unter seine Hufe und einer davon landete auf meinem Oberschenkel.

In den ersten Sekunden realisierte ich das gar nicht richtig, aber dann kam der Schmerz und ich bekam erstmal keine Luft mehr. Eigentlich wollte ich aufstehen, musste mich dann aber erstmal hinsetzen. Irgendwo in einer Ecke meines Bewusstseins sperrte sich ein Teil dagegen, sich in diesen Schneematsch zu setzen, aber dieser Teil wurde vom Schmerz übertönt. Ich schaute zu Najem hinüber, zum Glück hatte ich ihm die Reflektoren an den Beinen befestigt, ansonsten hätte ich ihn gar nicht gesehen. So enthüllte mir meine Stirnlampe vier leuchtende Flecken ein paar Meter entfernt. Das Pferd dazwischen konnte ich in der Dunkelheit nicht erkennen. Trotz meines Schmerzes galt meine Sorge Najem, ich wollte nicht dass er weg läuft, verloren geht oder sich vielleicht noch verletzt, schliesslich ist er gesattelt und gezäumt, wenn auch nur mit Pad und Knotenhalfter. Aber trotzdem kann er mit den Zügeln irgendwo hängen bleiben und sich verletzen.

Najem war ein wenig unschlüssig, was er tun sollte, lief mal ein paar Meter von mir weg, dann wieder zu mir hin. Irgendwann konnte ich aufstehen und humpelte zu ihm hinüber. Immerhin konnte ich ihn problemlos „einfangen“. Das Wichtigste war erledigt, jetzt brauchte ich Unterstützung. Najems Besitzerin war nicht zuhause, also rief ich meinen Freund an. Ich wusste, er konnte nichts machen, aber immerhin wäre ich dann nicht so alleine. Ich erreichte ihn aber nicht. Wie immer, wenn er am Gamen war. Mein Gehirn funktionierte jedoch auch im Schockzustand noch und ich schrieb eine Nachricht in den Game-Gruppenchat, zu welchem mich mein Freund bereits vor Monaten hinzugefügt hatte, obwohl ich nicht wirklich dazu gehöre. Ich war einfach neugierig. Zum Glück, denn einer seiner Kollegen las die Nachricht und informierte ihn über das Game. Er rief nur wenige Sekunden später an. Erstmal analysierte er die Situation, wie es typisch für ihn ist, fragte mich, wo ich verletzt sei, ob ich gehen könne, wo das Pferd sei, wen ich informieren kann usw. Das war gut, denn immerhin war so jemand informiert. Ich behielt ihn am Telefon, während ich mich den Weg zu Fuss hinauf kämpfte, zum Glück mit einem einfach Pferd nebenan. Nur aufsteigen konnte ich nicht, dazu bräuchte ich eine Aufsteighilfe, wie einen Baumstumpf. Das Pad hat nämlich keine Steigbügel und auf Najem konnte ich auch unverletzt nicht hinaufspringen. Am Hang war es zu rutschig.

Nach etwa zwei Kilometern stand am Wegrand doch tatsächlich ein Baumstumpf und ich schaffte es, mich auf Najem hinauf zu manövrieren. Die letzten paar Kilometer trug er mich brav. Kurz vor dem Stall rief mein Freund nochmals an, weil er sich Sorgen machte, obwohl ich ihm gesagt hatte, dass ich ihn nicht wieder anrufe, wenn ich aufsteigen konnte, sondern dann erst wieder im Stall.

Zum Glück war jemand zuhause, nahm mir das Pferd ab und brachte mich in das nächste Krankenhaus. Mein Freund machte sich auch auf den Weg, denn mit öV sollte er doch tatsächlich zwei Stunden bis dorthin brauchen. Aber in der Notaufnahme liegt man ja meist lange genug, wenn man nicht gerade im Sterben lag. Die anderen Patienten schienen jedoch ähnliche Verletzungen zu haben und so wurde ich nach zwei Stunden mit einem Rezept für Schmerzmittel und der Gewissheit, dass nichts gebrochen ist, wieder entlassen. Gerade rechtzeitig, um meinen Freund vom Bahnhof abzuholen.

Also fast Ende gut, alles gut. Ich durfte die Krücken der hilfsbereiten Stallbesitzerin borgen, welche mich ins Krankenhaus gefahren hatte, mein Freund fuhr mich nach Hause, wobei wir unterwegs noch die Medikamente für mich und einen Burger für ihn holten. Mittlerweile war es schon fast Mitternacht und er hatte noch nicht zu Abend gegessen. Ich nahm die Schmerztabletten und fiel ins Bett. Den Rest des Wochenendes verbrachte ich hauptsächlich auf dem Sofa.

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